Mein Mann (74) kennt mich immer weniger

Von: Margarethe, 72, weiblich

Guten Tag Glücksritterin Lea

Ich habe deine Internetseite aus Zufall entdeckt. Sie hat mir aber auf Anhieb gefallen. Ich mag diese vielen Farben, es dürfen aber auch Männer ihre Fragen stellen oder? Ich habe gelesen, was du auf der Seite über dich geschrieben hast. Und es hat mich an mich selbst erinnert. Ich wollte mein ganzes Leben immer nur das Beste für mein Umfeld, für die Menschen die ich liebe. Meinen Mann, meine drei Kinder. Ein Mädchen hat es gegeben, und mein Mann hat sie immer huckepack genommen, als sie noch ganz klein war. Damals haben wir noch in dem kleinen Häusschen am Fluss gewohnt. Ich liebte mein Leben dort. Ich wollte immer, dass es allen gut geht, ja mir auch, aber vorallem meinen Kindern und meinem Mann. Ich war immer gerne Mutter.

Mein Mann hat in einer Stahlfabrik gearbeitet, sein ganzes Leben war er dort angestellt. Die Arbeitsbedingungen waren damals schlecht, aber mein Mann hat immer gut für uns gesorgt. Ich durfte ihn besuchen in der Fabrik. Das war beeindruckend, eine riesige Fabrik und überall ist es dreckig und voller Russ, und auch die Arbeiter waren dreckig. Angefangen hat man als Träger, da musste man den ganzen Tag 20 Kilogramm schwere Säcke umhertragen. Aber mein Mann sagte schon zu beginn, er mag diese Fabrik und er will gerne dort arbeiten. Man kriegt auch schnell Muskeln vom Säcke tragen. Und das machen immer die jungen, neuen Mitarbeiter. Die Arbeit ist aber nicht gut für den Körper. Jeden Morgen ist er aufgestanden, hat seinen Kaffee getrunken und sein Brot mit Honig, das war ihm heilig. Mein Mann hat 30 Jahre in der Fabrik gearbeitet, er ist dann aufgestiegen. Aber der Rücken leidet schon, und später hatte er zwar eine Arbeit, bei der er weniger tragen musste, aber die Hände gingen mit den Jahren kaputt. Er hatte immer mehr Probleme mit den Händen, konnte sie nicht mehr richtig bewegen oder sagte, sie seien taub. Besonders schlimm war das im Winter, die Fabrik war ja nicht überall beheizt, ausser die riesigen Brennöfen, die den Stahl erhitzten. Mein Mann tat mir leid und ich bin ihm so dankbar, dass er immer für uns gesorgt hat.

Mein Mann war ein herzensguter Mensch. Auch er wollte immer die Welt verbessern, wollte immer weiter die Karriereleiter hochsteigen, aber er hätte nie etwas getan, was gegen seine Moral war. Er hatte eine sehr hohe Moral, und Ungerechtigkeit konnte er nicht mit ansehen. Er ist einer der Menschen, die es immer gut mit allen haben, mit dem Vorgesetzten wie auch mit dem untersten Mitarbeiter, jeder mochte ihn irgendwie. Sein Charme ist es. Mein Mann hat einen ganz speziellen Charme. Wenn ihn jemand gefragt hat, was er besonders gut kann, hat er immer gesagt, er kann mit seinem Charme die Menschen zum Schwärmen bringen. Und zum Träumen. Er lebte schon immer gerne in seiner Fantasiewelt, in der er der Besitzer der Stahlfabrik war und sie so gestalten konnte, wie er wollte. Er sagt heute noch manchmal zu mir „Nein, das können wir so nicht machen, wir müssen noch warten, der Stahl muss noch zuerst behandelt werden.“ Aber er redet nicht mehr oft. Er liebte immer seine Fantasiewelt. Ich bin mit ihm zusammen, seit ich 20 Jahre alt bin, und er hat mir damals schon viele Geschichten erzählt. Vom Fliegen und vom Reisen nach Afrika. Da waren wir auch mal. Aber das ist schon lange her.

Ich wollte immer eine gute Mutter sein und das Schöne in die Welt tragen. Aber es gibt so viele schlechte Menschen. Das macht mich immer traurig im Herzen. Wir könnten es so schön haben, sage ich immer, aber irgendwie passiert dann doch nichts. Heute ist es noch schlimmer, seit es die Nachrichten im Fernsehen gibt, denke ich. Damals hatten wir wenigstens nur die eigenen Sorgen von unserem Dorf und vielleicht das Dorf nebenan. Aber die grossen Nachrichten kamen erst mit dem Fernsehen. Zum Glück habe ich den Krieg nicht miterlebt. Ich war eine fröhliche Person, immer, und weiss nicht, wie alt du bist, aber du bist sicher noch jung. Ich konnte immer stundenlang auf einer Wiese liegen und in den Himmel schauen. Das Leben war einfach, ja. Nicht so wie heute wo alle nur noch in ihre Händis schauen. Aber wenn es die Leute glücklich macht. Ich wollte immer nur, dass die Leute glücklich sind.

Ich hoffe, ich schreibe nicht zuviel. Hat es eine Begrenzung? Ich brauche sehr lange und bin schon seit drei Stunden am Komputer. Mein Sohn hat mir den gezeigt. Er hat mir gesagt, wenn ich ein Rezept für einen Schokoladenkuchen brauche, brauche ich das nur zu gugeln und dann kommt ein Rezept. Aber es hat auch viel Werbung, ich lande immer auf der Werbung. Mein Sohn hat mir gesag, ich soll dir ruhig schreiben. Er hilft mir wirklich. Wenn ich eine Taste nicht finde. Ich habe meinem Mann gerade seine Medizin gegeben. Wir sind glücklich dass wir wo lange leben dürfen. Wir sind zwar nicht mehr so gesund wie früher, aber jeder wird älter, oder. Es ist ein Geschenk, wenn man so lange leben darf. Schon mit Problemen, aber wir hatten es immer schön.

Ich erinnere mich immer gerne an die kleinen Füsschen von meinen Kindern, als sie zur Welt gekommen sind. Ich habe mich immer in diese Füsschen verliebt. Mein Mann sieht mich immer noch an und schaut mir in die Augen. Wir sitzen oft auf der Veranda und ich halte seine Hand. Wie fest ich ihn liebe, meinen Mann. Siehst du jetzt muss ich weinen. Mein Mann ist so fest in meinem Herzen drin. Wir hatten solch ein schönes Leben. Aber mein Mann kann sich immer öfters nicht mehr an meinen Namen erinnern. Ich frage ihn „Karl ich bin da ich habe dir einen Tee gebracht. Karl kennst du mich noch“ aber mein Mann schaut mir nur in die Augen und sagt nichts. Ich weiss, ich bin auch in seinem Herzen. Ich liebe ihn so fest. Ich wünsche jedem eine solche Beziehung, wie wir es hatten. Voller Liebe und Verständnis füreinander. Aber mein Mann weiss meinen Namen oftmals nicht mehr. Wir sitzen dann einfach da auf der Veranda im Sessel und schauen den Sonnenuntergang gemeinsam an. Und manchmal weine ich dann auch, aber nicht nur vor Trauer auch vor Glück. Weil ich meinen Mann liebe und immer lieben werde, bis wir dann irgendwann nicht mehr leben.

Ich finde das Leben sehr schön. Viele Menschen machen sich das Leben so schwer. Dabei braucht es eigentlich nicht viel. Ich war immer zufrieden mit meinem Mann und meinen Kindern. Alle Sorgen die wir früher hatten, das ist jetzt alles nicht mehr wichtig. Ich denke, mein Mann ist jetzt in seiner Fantasiewelt. Vielleicht träumt er von seiner Arbeit und dass er in der Fabrik doch noch alles ändern konnte. Ich werde weiter gut auf ihn aufpassen.

Ich höre jetzt auf zu schreiben. Danke, dass ich dir schreiben darf. Wenn du möchtest darfst du das schon veröffentlichen. Vielleicht schreibe ich dir wiedermal wenn ich noch Zeit finde.

Für die liebe Lea,
von Margarethe

Antwort von Glücksritterin Lea

Hallo liebe Margarethe

Danke viel viel mal für deinen Text. Er hat mich wirklich fest berührt! Du hast recht, auch ich mache mir jeden Tag wieder neue Sorgen und einen Monat später sind diese Sorgen vergessen und ich denke wieder an etwas neues. Dabei sind das alles Kleinigkeiten. Ich werde probieren, mir weniger Sorgen zu machen und das Leben zu geniessen. Und ich wünsche mir, dass ich auch so alt wie du werden darf und einen so tollen Mann kennenlerne, mit dem ich alt werden kann.

Alles alles Gute für dich und deinen Mann und auch deine Kinder. Und ja bitte schreib mir jederzeit wenn du willst ich fühle mich richtig gut nach deinem schönen Beitrag. Und alles gute deinem Mann, die Liebe wird euch auf ewig verbinden! herz klein

In Liebe,
Glücksritterin Lea

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